Resümee einer einzigartigen (U19-)Saison

Resümee einer einzigartigen (U19-)Saison
Die U19-Junioren 2019/2020. Obere Reihe, von links: Matija Milic, Noah Staudt, Philipp Strube, Hannes Schmailzl, Elias Kinne, Joshua Steindorf, Johannes Kleidorfer Mittlere Reihe, von links: Co-Trainer Constantin Segner, Benedikt Sommer, Daniel Seybold, Osman Akbulut, Clovis Tokoro, Matthew Atkinson, Ian Rausch, Trainer Daniel Rohn Untere Reihe, von links: Dominik Krizanac, Maurice Koller, Oliver James, Fabio Rasic, Luca Hey, Bastian Lommer, Andrej Bencke, Alessandro Hölscher

Lange ging es nicht um Sport. Nicht um eine Meisterschaft, nicht um gewonnene Spiele und hochgehaltene Pokale, sondern um wichtigere Dinge. Es ging um Menschen, um Gesundheit, um Solidarität, um Verantwortung. Und damit waren wir doch recht nah dran an den Werten, die wir mit und durch den Sport zu vermitteln versuchen: Egoismen hintenanzustellen, um Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen.

Da in dieser Spielzeit keine Spiele mehr zu erwarten sind, soll hier bereits ein Fazit der U19-Saison gezogen werden. Für mich selbst schließt sich hier allmählich ein Kreis, vier Jahre lang durfte ich den Jahrgang 2002 sportlich begleiten und ausbilden, drei Jahre lang den Jahrgang 2001. Jetzt stehen wir mit beiden Jahrgängen an der Schwelle zum Herrenbereich, mit dem einen schon jetzt, mit dem anderen in Kürze. Zeit zurückzublicken, wo uns die Ausbildung der letzten Jahre hingeführt hat und gleichzeitig mit den Erwartungen einer U19 sinnvoll umzugehen.

Die blanken Zahlen – die doch nicht alles sagen

Ein weitverbreitetes Problem ist die primäre Ausrichtung und Orientierung an Spielergebnissen, auch vom Umfeld. Dabei ist es die individuelle Entwicklung, die ganz klar im Juniorenbereich über allem steht. „Oben mitspielen„, „noch etwas gutmachen„, „dem Tabellenführer auf den Fersen„, „mit Kampf zum Sieg“ und so weiter. Wir spielen mit unseren Jungs keine Mini-Bundesliga und ich werde nicht versuchen sie mit markigen Worthülsen herbeizuschreiben. Wir bilden aus. Wir achten darauf, wie die Jungs Fußball spielen. Wir versuchen das, was wir trainieren, in unsere Spiele zu bekommen – und uns damit durchzusetzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Um dennoch all jenen Genüge zu tun, die ein Team anhand der blanken Zahlen bewerten, seien auch diese der Vollständigkeit hier genannt. Die Ismaninger U19 hat mit 10 Siegen so viele wie sonst nur der Tabellenführer eingefahren und musste sich viermal geschlagen geben. Mit 15 Gegentreffern in 15 Spielen stellt sie die mit Abstand beste Defensive der Liga, ist die beste Heimmannschaft der Liga und das zweit-fairste Team der Liga. In der Halle haben die Jungs als erste Ismaninger Großfeldmannschaft überhaupt die Oberbayerische Hallenmeisterschaft geholt und mussten sich bei der Bayerischen Hallenmeisterschaft erst im Finale im 6-Meterschießen knapp geschlagen geben. Dennoch stellten sie beim Gewinn der Bayerischen Vize-Meisterschaft das mit großem Abstand torgefährlichste Team, die beste Defensive und den besten Torschützen. Im Freien stellte die Ismaninger U19 mit 16 Spielern des jüngeren Jahrgangs im Kader die jüngste Mannschaft der Landesliga. Wer sich also nur für Zahlen interessiert, kann hier schon aufhören zu lesen.

Für alle anderen kommen jetzt die wirklich wichtigen Dinge.

Diese Zahlen bringen den Jungs – NICHTS! Kein Trainer im Herrenbereich wird sich dafür interessieren, ob ein Spieler in der Jugend eine Meisterschaft geholt hat oder sie knapp verpasst hat. Worum es geht ist einzig die Tatsache, was der Junge in seiner Jugend gelernt hat. Und das gute ist, desto mehr er gelernt hat, desto besser er verstanden hat, wann und wie er es anwenden kann, desto eher wird er auf seinem Weg in den Herrenbereich auch auf den einen oder anderen sportlichen Erfolg zurückblicken können. Und das können unsere Jungs. Aber sportliche Erfolge sind nicht das Ziel guter Jugendausbildung, sie sind die Konsequenz. Viele verwechseln das.

Selektion versus Ausbildung – Oder: Der jüngste Kader der Liga

Aus der letztjährigen U19 sind der Mannschaft nicht viele Spieler erhalten geblieben, die meisten Jungs, die in der Vorsaison für die Bayernliga nach Ismaning gekommen waren, waren nach dem Abstieg in die Landesliga genauso schnell wieder weg. Die aktuelle U19 bestand daher zu mehr als zwei Dritteln aus Spielern des jungen Jahrgangs, die aus der U17 aufgerückt waren. Und wir haben den jungen Jahrgängen tragende Rollen anvertraut, nicht aus Mangel an Alternativen, sondern aus Überzeugung. Auf Verstärkungen von außen haben wir sehr bewusst fast komplett verzichtet, lediglich drei Spieler, ebenfalls nur aus dem jungen Jahrgang wurden aufgenommen, darunter in Dominik ein Ismaninger Rückkehrer, der nach seiner Zeit beim FC Ingolstadt an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt ist und zwei Jungs aus Freising. Es gab insgesamt nur ganze drei Spieler in der U19, die erst in der A-Jugend in den Verein gekommen sind. Wir haben also wahr gemacht, was wir versprochen hatten, und erst auf die eigenen Jungs geschaut, weil wir ihnen vertraut haben. Natürlich haben wir einzelne Jungs dabei, die körperlich noch immer nicht ganz so weit sind, wie andere in ihrem Alter, aber das war nie ein Kriterium. Was die Jungs individuell am Ball können und wie sie Fußballspielen steht dagegen über allem.

Angemerkt sei hier, dass es in jeder Saison problemlos möglich gewesen wäre, den Jahrgang 2002 (und natürlich auch jeden anderen) durch solche Spieler von außen zu verstärken, die zum jeweiligen Zeitpunkt besser waren, als die Spieler, die wir auf den entsprechenden Spielpositionen hatten. Wir hätten damit die Qualität der Mannschaft schnell steigern können, ohne viel Trainingsarbeit, einfach durch Sichtung und Selektion geeigneter Spieler. Egal in welcher Liga, ob Bayern- oder Landesliga, Kreisliga oder Bundesliga, das Prinzip der Selektion ist das favorisierte, gute Sponsoren oder private Geldgeber vereinfachen die Anwendung dieses Prinzips.

Zahlreiche Vereine überlassen anderen Vereinen die Ausbildung ihrer Spieler, weil die eigene Jugendarbeit nicht die Beachtung bekommt, die sie haben könnte oder müsste. Denn gute Jugendarbeit ist natürlich nicht ohne Investitionen möglich, diese aber fließen oftmals überwiegend in „Die Erste“. Die Konsequenz: wir haben im Herrenbereich in den Regional-, Bayern- und Landesligen nur noch sehr wenige Teams, die überhaupt von sich behaupten können, wenigstens 10 % selbst ausgebildeter Spieler in ihren Reihen zu haben. Das wären gerade mal 2 bis 3 Spieler. Wofür, die Frage sei erlaubt, benötigt man dann überhaupt eine Jugendabteilung? Wir haben das ganz klare Ziel, unsere Jungs so auszubilden, dass sie überregional Fußball spielen können, und einige damit auch dem eigenen Verein treu bleiben könnten – einfach weil sie gut genug ausgebildet worden sind. Denn wenn du als Jugendlicher in einer Junioren-Bayernliga oder Landesliga als Leistungsträger spielst, dann ist das auch in einer Herren-Landesliga oder Bayernliga möglich. Vertrauen und Geduld vorausgesetzt.

Durch das Spielen zum Spiel finden

Der U19-Fußball ist schnell erklärt: Wir ergreifen die Initiative! Immer! Egal ob wir den Ball haben oder nicht. Das Fundament dafür, die technischen und koordinativen Fähigkeiten dazu haben sich die Jungs über viele Jahre antrainiert. Hinzugekommen sind taktische Grundlagen. Es reicht nicht, über herausragende technische Fähigkeiten zu verfügen, es reicht nicht, schnell und/oder kräftig zu sein, der Spieler braucht ein überragendes Spielverständnis, um seine Qualitäten – und das ist der Schlüssel – effektiv (!) im Spiel einsetzen zu können.

Und diese Entwicklung ist sichtbar. Unsere Jungs versuchen den schwersten Weg „Fußball zu spielen“ umzusetzen. Immer aktiv, immer die Initiative ergreifend, wenn möglich, immer offensiv, mit so vielen individuellen Aktionen wie möglich. Hierzu ist eine gehörige Portion Vertrauen nötig. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Vertrauen in die Ausbildungsidee, Vertrauen in die Inhalte und Vertrauen in das Trainerteam, dass der eingeschlagene Weg zu ihrem Besten ist. Wer sich die Mühe gemacht hat, in den letzten vier Jahren aufmerksam hinzuschauen, hat gemerkt, dass die Jungs große Fortschritte im Spiel mit dem Ball gemacht haben, dass sie im Positionsspiel sehr viele gute Entscheidungen treffen, dass sie im Umschaltspiel, sowohl nach Ballverlust als auch nach Balleroberung, brutal zielstrebig geworden sind, dass sie nahezu jede Situation fußballerisch lösen wollen – und nun auch können. Beidfüßig! So sehr, dass ein Selbstverständnis entstanden ist, Gegner und Spiele dominieren zu wollen. Viele Spiele haben sie auf diese Weise für sich entschieden – und einige genau deswegen verloren.

Wo Licht ist, da ist auch Schatten

Da es zu einer Bilanz auch gehört, sich kritisch mit den eigenen Fehlern zu beschäftigen, sind hier die für uns schmerzhaftesten Versäumnisse aufgezählt. In der Anfangsphase waren wir spielerisch nie auf einem richtig guten Level, hatten im Offensivspiel massive Schwächen beim Herausspielen von Torchancen, haben daher brutal wenig eigene Tore erzielt, hatten zu wenig Intensität gegen den Ball, haben manchmal eklatante individuelle Fehler im Defensivverhalten offenbart, dadurch zu viele Gegentore hinnehmen müssen. Das eigene Können technisch und auch mental unter Wettkampfbedingungen anzuwenden, hat nicht immer geklappt und viele Punkte gekostet. Unterschiedliche taktische Vorerfahrungen haben das gemeinsame Spiel immer wieder ins Stocken gebracht. Auch das Auftreten als Team war ausbaufähig, immer dann erkennbar, wenn es nicht gut lief. Zu wenig Spieler, die dann von sich aus Verantwortung übernommen haben und auch die Integration der älteren und jüngeren Jahrgänge in einem Team, war alles andere als reibungslos.

Dennoch haben die Jungs sich zwischenzeitlich eine Position erspielt, die sie aufgrund der äußeren Umstände gar nicht haben sollten. Erschwert durch das Training auf einem immerwährend unmarkierten Trainingsplatz und einem an den Spieltagen derart hohen Rasen, der das eigene Passspiel so stark ausgebremst hat, dass die Spieler selbst bei bestem Wetter irgendwann nur noch auf Kunstrasen spielen wollten.

Eine Mannschaft aus Eigengewächsen

Sicher hat nahezu jeder Spieler in seiner Zeit in dieser Mannschaft auch Phasen hinter sich, die etwas weniger Spaß gemacht haben, in denen es nicht immer so gelaufen ist, wie man es gerne gehabt hätte, in denen man den Trainer verflucht und seine Entscheidungen nicht verstanden hat und eine wie auch immer geartete Ausbildungsidee zum Teufel gewünscht hat. Umso mehr müssen wir hervorheben, dass es eben keine Selbstverständlichkeit ist, dass die Jungs, die noch dabei sind, uns so lange ihr Vertrauen geschenkt haben. Ich bin stolz darauf, dass sich diese Jungs für uns, für diese Mannschaft entschieden haben und dafür, diesen sicher nicht immer reibungslosen Weg über längere Zeit mit uns und mit mir mit zu gehen. Wo wir heute stehen ist umso herausragender. Nehmen wir das letzte Spiel dieser Mannschaft, dann hatten wir alleine 7 Jungs im Kader, die schon seit dem Kleinfeld dabei sind und weitere 5, die seit der C-Jugend dabei sind. Nur 3 Spieler sind erst später dazu gestoßen. Dieser Wert ist im höheren U19-Bereich vollkommen konkurrenzlos! Wir haben hier nicht nur jahrelang über Kontinuität geredet, wir haben sie gelebt – und das Ergebnis ist eine Mannschaft, die zum Besten gehört, was die U19-Landesliga am Ende zu bieten hatte. Eine Mannschaft aus Eigengewächsen, nur sehr punktuell verstärkt durch wenige herausragende und charakterlich dazu passende Jungs. Eine Überraschung aber ist ihre Leistung dennoch nicht. Eher die Umsetzung einer Ausbildungsidee, die wir den Jungs über Jahre „eingetrichtert“ haben.

Abschluss

Mit dem Aufstieg einer aus überwiegend jungen Jahrgängen bestehenden Mannschaft in die höchste bayerische Spielklasse ist den Jungs etwas sehr außergewöhnliches gelungen – denn die meisten von ihnen bekommen so nun Gelegenheit, von diesem sportlichen Erfolgserlebnis zu profitieren, das sie sich gemeinsam erspielt haben. Darauf dürfen die Jungs zurecht sehr stolz sein!

Aber auch ohne diesen Aufstieg wäre diese Saison ein Erfolg gewesen. Ziel war es junge Spieler weiter zu entwickeln. Die Jungs haben gezeigt, was mit Geduld, Kontinuität und inhaltlicher Arbeit möglich ist, die sich eben weniger an den unmittelbaren Ergebnissen orientiert, als vielmehr an den Inhalten, die zur aktuellen Entwicklungsstufe passen.

Das ist aus unserer Sicht Jugendfußball, der jeden Einzelnen weiterbringen kann und nicht nur den individuellen Einzelkönner, auf dessen Schultern alles zugeschnitten ist. Das alles legt eine vergleichsweise brauchbare Basis für Spieler, die keine ewigen Talente bleiben wollen, sondern auf höherem, also überregionalem Niveau bestehen wollen. Dort liegt, wenn alles ideal läuft, hoffentlich für viele die Zukunft. Es wäre ihnen allen zu wünschen. All denjenigen, die wissen, dass sie sich nicht nur auf ihr Talent verlassen können, sondern dass sie auch zuhören, lernen und arbeiten müssen. Mehr als andere.

Manchmal braucht es vielleicht Ereignisse von außen, um den eigenen Fokus zu überdenken, um innezuhalten – und sich vielleicht sogar neu zu justieren. Für jeden von uns. Und wenn das dazu führt, dass der Nachwuchs und vor allem die qualitativ gute Ausbildung desselben in vielen Vereinen wieder mehr oder überhaupt Beachtung bekommt, dann könnte man an diese Ausnahmesituation vielleicht als den Start von etwas Besseren zurückdenken.